Unterschiedliche Zuständigkeiten zwingen Eltern zum Behördenmarathon, MAZ 06.12.2011
SCHULE: Problemkind Inklusion
POTSDAM / INNENSTADT -Viel Zeit hat Bianca Herrendörfer-Bort in der Vergangenheit in Amtsstuben und Behörden verbracht. All das nur, weil sie ihre jüngste Tochter Elia auf einer Schule anmelden wollte. Die Siebenjährige leidet am Down-Syndrom, sie ist geistig und körperlich behindert. Ihre Mutter wollte Elia immer an einer regulären Schule unterbringen und hat sich für die Rosa-Luxemburg-Grundschule entschieden. „Dort gibt es ideale Räume und eine gute Ausstattung“, sagt Bianca Herrendörfer-Bort. Außerdem habe man an der Rosa-Luxemburg-Schule bereits Erfahrung mit Schülern, die eine Lernschwäche oder Behinderung mitbringen. Als Elia im vergangenen Jahr eingeschult wurde, hätten Lehrer und Mitschüler sie gut aufgenommen. „Kinder haben keine Vorurteile“, sagt Bianca Herrendörfer-Bort. Elia sei gut angekommen. Das Problem seien die alltäglichen Dinge. „Elia braucht Hilfe beim Essen, beim Gang zur Toilette und beim Umziehen im Sportunterricht“, sagt ihre Mutter. An der Schule fehlen jedoch Schulhelfer und Sozialarbeiter. Um diese Stellen zu beantragen, hat sich Bianca Herrendörfer-Bort auf einen Behördenmarathon begeben. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten haben sie manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht. Weil ihre Anliegen sowohl die Jugendhilfe als auch das Schulgesetz und die Sozialgesetze berühren, sind Behörden auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene zuständig.
„Das Geld ist da“, sagt Bianca Herrendörfer-Bort. Es verstecke sich allerdings in den Tiefen der drei Systeme. Nur weil sie selbst Beamtin sei und sich in der Materie auskenne, könne sie sich so intensiv um die Probleme ihrer Tochter kümmern. Inklusion sei ein guter Weg, sagt die Mutter. „Die Bürde liegt allerdings bei den Eltern.“
Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch und Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (beide SPD) hörten aufmerksam zu, als Bianca Herrendörfer-Bort von ihrem Problem mit der Inklusion berichtete. Die beiden Politiker waren gestern in die Rosa-Luxemburg-Schule gekommen, um mit Lehrern, Eltern- und Schülervertretern zu diskutieren. Jakobs sicherte zu, eine neue Beratungsstelle im Rathaus zu schaffen, die die unterschiedlichen Zuständigkeiten bündelt. Bislang werde Inklusion fast nur unter dem Gesichtspunkt der nötigen Investitionen diskutiert, bedauerte Jakobs. „Wir erfahren kaum etwas über die Menschen, die davon betroffen sind.“ Seine Parteigenossin aus dem Bildungsministerium lobte die Anstrengungen in der Landeshauptstadt beim Thema Inklusion. „Es wäre schön, wenn wir überall in Brandenburg so weit wären“, sagte Martina Münch.
Bis alle Kinder im Land gemeinsam lernen, werde noch einige Zeit vergehen, dämpfte sie die Erwartungen. Das Land könne die notwendigen Investitionen nicht allein aufbringen. Der Bund trete beim Thema Inklusion auf die Bremse. Ihr Vorstoß in der Kultusministerkonferenz, den Bund an den Kosten zu beteiligen, sei bisher auf wenig Resonanz gestoßen. Nun hofft Münch auf Geld von der Europäischen Union. Immerhin gebe es ab dem Wintersemester 2013 wieder einen Studiengang Sonderpädagogik an der Uni Potsdam. Damit, so Münch, wolle man dem Bedarf gerecht werden.
Oberbürgermeister Jakobs deutete an, das Land nicht aus seiner Pflicht entlassen zu wollen. Er rechnet mit Kosten von mindestens einer Million Euro, um die Schulen in der Stadt fit für die Inklusion zu machen. (Von Christian Zielke)